Wer bedroht hier wen: Wenn die Ermordung von Frauen und Kindern im Westen keine rote Linie ist
07.03.2026
Eine scheinbar selbstverständliche Grenze
Im westlichen politischen Diskurs existieren scheinbar klare moralische Grenzen. Zu den unbestrittensten gehört die Vorstellung, dass Zivilisten, insbesondere unbeteiligte Frauen und Kinder unter keinen Umständen zum Ziel von Gewalt oder Drohungen werden dürfen. Gerade wenn Gegner des Westens beschuldigt werden, solche Grenzen zu überschreiten, wird dies regelmäßig als Beleg besonderer Brutalität hervorgehoben. Umso bemerkenswerter sind zwei Vorfälle im Rahmen der westlichen Angriffe auf den Iran, die genau diese angeblich selbstverständliche Grenze berühren – und dennoch in der westlichen Berichterstattung als solche nicht thematisiert wurden.
Eine Drohung gegen Frau und Kind
Im Sommer 2025 wurde eine Aufnahme veröffentlicht, in der ein israelischer Geheimdienstmitarbeiter einen iranischen General telefonisch bedroht. In dem Gespräch heißt es unter anderem (archiv):
“you have 12 hours to escape with your wife and child.”
„Sie haben zwölf Stunden Zeit, mit Ihrer Frau und Ihrem Kind zu fliehen.“
An anderer Stelle wird die Drohung noch deutlich klarer formuliert:
“We will hit you, your family, your children, everyone, with the dirt.”
„Wir werden Sie treffen – Sie, Ihre Familie, Ihre Kinder, alle, mit der Erde.“
und
“Do you also want to destroy your wife and child?”
„Möchten Sie auch Ihre Frau und Ihr Kind zerstören?“
Der Inhalt dieser Aussagen ist eindeutig. Hier wird nicht nur ein militärischer Gegner bedroht, sondern ausdrücklich auch seine Familie, einschließlich seiner Kinder. Damit wird eine Grenze berührt, die im politischen Diskurs sonst als selbstverständlich gilt: dass Frauen und Kinder nicht als Druckmittel in politischen oder militärischen Konflikten benutzt werden dürfen.
Wie Medien die Drohung einordnen
Gerade deshalb ist die Reaktion der westlichen Berichterstattung aufschlussreich.
Die ursprüngliche Recherche erschien in der Washington Post (archiv). Dort werden die Drohungen detailliert beschrieben und teilweise wörtlich zitiert. Was jedoch auffällt, ist die völlige Abwesenheit einer moralischen Einordnung. Der Artikel beschreibt die Telefonkampagne als Teil einer geheimdienstlichen Operation und erklärt ihre strategische Funktion – etwa als Versuch, Angst in der iranischen Führung zu erzeugen oder mögliche Nachfolger abzuschrecken („make it harder … to fill the positions of those Israel killed“). Dass hier ausdrücklich mit der Tötung von Frauen und Kindern gedroht wird, erscheint dagegen nicht als besondere Grenzüberschreitung.
Andere Medien wählen zumindest eine leicht andere Tonlage. Die New York Post (archiv) bezeichnet den Mitschnitt in der Überschrift als „chilling“. Das australische Portal news.com.au spricht von einem „ominous call“. Der deutsche Merkur (archiv) nennt den Mitschnitt immerhin „brisant“. Diese Begriffe signalisieren zumindest, dass hier etwas Beunruhigendes geschieht – auch wenn auch dort eine klare Einordnung als moralische rote Linie ausbleibt.
Am problematischsten ist somit die Darstellung in der Washington Post. Während einige Medien den Vorgang zumindest als unheimlich, ominös oder brisant beschreiben, erscheint er in der ursprünglichen Recherche der Washington Post ohne jegliche normative Bewertung. In dieser Darstellung ist die Drohung letztlich ein weiteres normales Instrument einer Geheimdienststrategie.
Als Parallele kann man sich einen Artikel über den Angriff der Hamas am 7. Oktober 2023 vorstellen, der ausschließlich erklärt, wie solche Gewalt als Strategie geeignet ist, Schrecken in Israel zu verbreiten, ohne die Gewalt gegen Zivilisten selbst einzuordnen. Ein solcher Artikel würde im Westen vermutlich auf breite Kritik stoßen.
Drohung und Realität
Die Brisanz der Drohungen vom Sommer 2025 wird noch deutlicher, wenn man den weiteren Verlauf der Ereignisse betrachtet. Zwar richteten sich die ursprünglichen Drohungen gegen iranische Generäle und stehen nicht in direktem Zusammenhang mit dem Angriff am Samstag vor einer Woche, bei dem der iranische Führer Ali Khamenei getötet wurde. Doch bei dem Angriff kamen nach Angaben iranischer Medien auch Familienangehörige ums Leben, darunter seine Ehefrau und eine 14 Monate alte Enkeltochter. Die Drohung aus dem Vorjahr wurde also nicht gegen dieselbe Person umgesetzt – ihr Kern wurde jedoch Realität.
Der entscheidende Punkt ist daher nicht, dass eine Drohung eins zu eins ausgeführt worden wäre. Entscheidend ist vielmehr, dass die Drohung genau das beschreibt, was im Verlauf des Konflikts tatsächlich geschieht: dass bei solchen Angriffen Familienangehörige sterben, darunter auch Kinder.
Absicht oder Inkaufnahme
In solchen Fällen wird häufig betont, dass zivile Opfer nicht beabsichtigt gewesen seien. Doch diese Verteidigung verliert ihre Bedeutung, wenn der Tod von Frauen und Kindern zuvor selbst als Druckmittel formuliert worden ist.
Wer in einer Drohung ausdrücklich auch Frauen und Kinder einbezieht, signalisiert damit zumindest eines: dass der Tod von Familienmitgliedern kein eindeutig unerwünschtes Ereignis darstellt, sondern ein Mittel, mit dem machtpolitische Ziele erreicht werden sollen. Wenn später tatsächlich Frauen und Kinder bei einem Angriff sterben, verliert die Behauptung, dies sei in jedem Fall unerwünscht gewesen, ihre Überzeugungskraft.
Die Grenze zwischen Absicht und Inkaufnahme wird in diesem Moment unscharf. Wenn eine Drohung genau dieses Szenario beschreibt und die Realität des Konflikts es hervorbringt, wird das Töten von Frauen und Kindern faktisch Teil der Kriegsführung.
Ein Perspektivenwechsel
Im politischen Diskurs des Westens erscheint Iran häufig als eine besonders gefährliche Bedrohung, die eingedämmt oder beseitigt werden müsse. Diese Sichtweise prägt einen großen Teil der öffentlichen Debatte.
Doch moralische Urteile werden schwieriger, wenn man die Perspektive der anderen Seite mit einbezieht. Nach westlicher Darstellung gehen Drohungen und Brutalität vor allem vom Iran aus. Doch gezielte Drohungen gegen Frauen und Kinder – und militärische Angriffe, die solche Drohungen umsetzen – widersprechen diesem Bild eklatant. Wenn solche Vorgänge in der Berichterstattung kaum als moralische Grenzüberschreitung erscheinen, entsteht ein Bild des Konflikts, das nur funktioniert, weil die eigene Rolle ausgeblendet wird.
Doch selbst diese Beispiele zeigen nur einen kleinen Ausschnitt. Aus iranischer Sicht reicht die Erfahrung westlicher Gewalt sehr viel weiter zurück.
Ein zentraler Bezugspunkt im Iran ist der Iran-Irak-Krieg. Nachdem der Irak 1980 den Iran angriff, unterstützten die Vereinigten Staaten den Irak politisch, wirtschaftlich und militärisch – selbst nachdem amerikanische Geheimdienste festgestellt hatten, dass irakische Truppen chemische Waffen gegen den Iran einsetzten. Der Krieg forderte nach Schätzungen rund eine Million iranische Todesopfer. (archiv)
Eine bittere Erkenntnis
Diese Perspektive bedeutet nicht, dass die Politik des iranischen Staates gerechtfertigt wäre. Sie macht jedoch deutlich, wie einseitig weite Teile der westlichen Berichterstattung sind.
Daraus folgt eine bittere Erkenntnis: Eine funktionierende Demokratie braucht eine Berichterstattung, die Konflikte sauber einordnet und auch die Perspektive der Gegenseite sichtbar macht. Stattdessen erleben wir eine Berichterstattung, die eher darauf ausgerichtet ist, eine brutale westliche Machtpolitik zu unterstützen, als sie kritisch zu hinterfragen.
Die Redaktionen der Washington Post, der New York Post, von news.com.au und des Merkur wurden zu ihren hier besprochenen Artikeln um eine Stellungnahme gebeten. Bis zur Veröffentlichung lag keine Antwort vor.
Einordnung dieses Textes
Dieser Artikel ist Teil der Einzelfallanalysen.
Er dient als Ausgangspunkt für:
- Kurzanalysen konkreter Fälle
- spätere Zusammenfassungen
- Bewertungen öffentlicher Akteure