Angriffe auf Iran und Ukraine: Verständlich hier, empörend dort? – ein glasklarer Fall, wie westliche Propaganda wirkt
28.02.2026
Dass Propaganda durch Wiederholung wirkt, ist seit langem bekannt. Was ständig erklärt, eingeordnet und begründet wird, bekommt mit der Zeit einen vertrauten Klang – und erscheint dadurch leichter nachvollziehbar.
Und doch geht man selbst viel zu leicht davon aus, von dieser Wirkung weniger betroffen zu sein als andere.
Am aktuellen Geschehen lässt sich der Mechanismus konkret beobachten.
In westlichen Medien werden die Rechtfertigungen für den Angriff der USA und Israels auf den Iran fortlaufend wiederholt und bilden einen festen Bestandteil der Berichterstattung. Sie rahmen das Geschehen so dicht, dass ein Geschmack von Verständlichkeit bei vielen kaum ausbleibt.
Beim russischen Angriff auf die Ukraine gilt es in denselben Kreisen hingegen bereits als anstößig, überhaupt von „Verständlichkeit“ zu sprechen.
Aber beruht dieser Unterschied wirklich auf mehr als darauf, dass im einen Fall Rechtfertigungen ständig wiederholt werden – und im anderen mit aller Macht zurückgewiesen? Sollen die Maßstäbe, die den Angriff auf den Iran verständlich erscheinen lassen sollen, auch nur ansatzweise ernst gemeint sein?
Vorweg: Beim Angriff auf den Iran handelt es sich um einen militärischen Überfall mit verheerenden Folgen für Menschen vor Ort. Eine völkerrechtliche Legitimation ist nicht erkennbar. Auch eine mögliche nukleare Bedrohung kann hier nicht als Begründung gelten – gerade weil offensichtliche diplomatische Wege weiterhin bestanden, um genau diese Gefahr zu begrenzen.
Was als „Rechtfertigung“ bleibt, ist damit überschaubar: ein vages Bedrohungsgefühl? Der Anspruch, ein nicht-befreundeter Staat dürfe bestimmte – ausdrücklich nicht-nukleare – Fähigkeiten gar nicht erst entwickeln oder besitzen? Ein implizites Recht, Regierungen zu destabilisieren oder zu stürzen, die unseren Interessen nicht entsprechen oder unseren Vorstellungen von Menschenrechten und demokratischen Prinzipien nicht genügen?
Soll das wirklich der Maßstab sein?
Denn diese Maßstäbe würden wir unseren Gegnern niemals zugestehen. Allgemeine Bedrohungsgefühle reichen dort nicht aus. Der Wunsch, einen anderen Staat in seinen Fähigkeiten zu begrenzen, gilt dort nicht als legitime Grundlage für Gewalt – jedenfalls solange es nicht um eine akute nukleare Bedrohung geht. Und ein behauptetes Recht, Regierungen zu beseitigen, nur weil sie als unliebsam empfunden werden, würde man schlicht als absurd abtun.
Bleiben die Verweise auf Menschenrechte und demokratische Prinzipien. Nähme man sie ernst, müssten sie konsequent angewendet werden – auch gegenüber engen Partnern wie Saudi-Arabien. Dass dies nicht geschieht, zeigt, dass auch hier kein stabiler Maßstab vorliegt.
Was übrig bleibt, ist also kein Maßstab – sondern Rechtfertigung nach Bedarf. Unter solchen Bedingungen wird jedes Vorgehen potentiell „verständlich“ – jenseits von Krieg auch andere schwerste staatliche Gewaltverbrechen.
Warum also die Verwunderung, dass das auch in Russland geschieht? Bilden wir uns ernsthaft ein, dass dort nicht genauso Rechtfertigungen kursieren, die das eigene Vorgehen verständlich machen, und die Menschen bewegen?
Aus dieser Perspektive bricht das westliche Selbstbild ein gutes Stück weit zusammen. Das Empfinden, dass das eigene Vorgehen so viel häufiger verständlich wirkt als das verschiedener Gegner, gründet nicht in objektiven Tatsachen, sondern in der Art, wie diese Handlungen dargestellt und wahrgenommen werden. Es besteht ein dauerhaftes Interesse, das eigene Handeln als nachvollziehbar erscheinen zu lassen und das von geopolitischen Gegnern negativ einzuordnen oder abzuwerten. Wirksame Gegengewichte zu dieser Form der Selbsttäuschung fehlen dabei weitgehend.
Auf einer solchen Grundlage kann keine stabile Weltordnung bestehen. Maßstäbe, die nicht konsistent angewendet werden, verlieren ihre bindende Kraft und werden zu bloßen Instrumenten der Rechtfertigung. Eine tragfähige Ordnung entsteht erst dort, wo mächtige Akteure die Interessen ihrer Gegner zumindest so weit berücksichtigen, dass gemeinsame Regeln überhaupt Bestand haben können. Solange jedoch Maßstäbe derart selektiv angewendet und je nach Gelegenheit verschoben werden, bleibt jede Ordnung fragil – und fällt im Kern auf das Recht des Stärkeren zurück.
Einordnung dieses Textes
Dieser Artikel ist Teil der Einordnungen aktueller Entwicklungen.
Er dient als Ausgangspunkt für:
- Kurzanalysen konkreter Fälle
- spätere Zusammenfassungen
- Bewertungen öffentlicher Akteure