Links und rechts: Zwei unterschiedliche Grundhaltungen – und warum beide gebraucht werden

Die Begriffe „links“ und „rechts“ gehören zu den festen Koordinaten politischer Debatten. Sie werden genutzt, um Parteien, Ideologien und gesellschaftliche Konflikte einzuordnen – und haben sich dabei als bemerkenswert stabil erwiesen.

Zugleich waren die Begriffe stets mehr als bloße Ordnungskategorien. In vielen heutigen Debatten sind sie deutlich mit Wertungen und normativen Erwartungen verbunden. Milieuspezifisch gelten linke Positionen als moralisch fortschrittlich, rechte hingegen als problematisch oder zumindest erklärungsbedürftig. Das trägt dazu bei, dass Verständigung zunehmend erschwert wird.

Ein anderer Blickwinkel kann dazu beitragen, die festgefahrene Debatte zu entschärfen. Betrachtet man links und rechts nicht als Parteien, Programme oder moralische Kategorien, sondern als unterschiedliche Grundhaltungen, nach denen Menschen ihr Leben, ihre Verantwortung und ihre gesellschaftliche Ordnung ausrichten, wird der Wert beider Seiten deutlicher. Beide Haltungen sind real, wirksam – und beide tragen auf ihre Weise zum Funktionieren von Gesellschaften bei.

Nähe und Abstraktion als grundlegende Orientierung

Eine hilfreiche Unterscheidung verläuft nicht zwischen gut und böse, sondern zwischen Nähe und Abstraktion.

Eine rechte Grundhaltung orientiert sich stärker am Nahen und Konkreten. Maßgeblich sind das eigene Umfeld, vertraute soziale Strukturen, kulturelle Kontinuität und gewachsene Ordnung. Verantwortung entsteht aus Zugehörigkeit. Man kümmert sich zuerst um das, was man kennt, beeinflussen kann und wofür man sich unmittelbar zuständig fühlt. Diese Haltung ist bodenständig, erfahrungsnah und auf Stabilität ausgerichtet.

Eine linke Grundhaltung richtet sich stärker an abstrakten Leitvorstellungen aus. Gleichheit, Gerechtigkeit, Menschenwürde oder universelle Rechte dienen als Maßstab. Entscheidend ist weniger, wer jemand ist oder woher er kommt, sondern dass er Mensch ist. Verantwortung wird nicht primär aus Nähe, sondern aus allgemeinen Prinzipien abgeleitet.

Beide Orientierungen sind tief im menschlichen Denken verankert. Gesellschaften haben sie nie vollständig auflösen können – und vermutlich auch nie wollen.

Wenn Grundhaltungen entgleisen

Probleme entstehen nicht dadurch, dass diese Haltungen existieren, sondern dort, wo sie einseitig werden und keine Korrektur mehr zulassen.

Linke Entgleisungen

Linke Grundhaltungen geraten dann in Schieflage, wenn abstrakte Ideale wichtiger werden als konkrete Lebensrealitäten. Wo Prinzipien über Menschen gestellt werden, kann Leid rationalisiert werden: nicht als bedauerlicher Fehler, sondern als notwendiger Schritt auf dem Weg zu einer besseren Zukunft.

Historisch zeigt sich dieses Muster besonders deutlich in den kommunistischen Großexperimenten. In der Kulturrevolution in China, im Holodomor in der Sowjetunion (der nicht nur die Ukraine, sondern auch Regionen in Russland, Kasachstan und dem Kaukasus betraf) sowie in weiteren Hungersnöten und Repressionswellen richteten sich Gewalt und Repression gegen die eigene Bevölkerung. Gewalt wurde dabei in systematischer Form möglich, weil die Überzeugung, im Besitz der richtigen Idee zu sein, moralische Grenzen aufhob und Repression legitimierte.

Rechte Entgleisungen

Rechte Grundhaltungen kippen dort, wo das Eigene absolut gesetzt wird. Wenn Zugehörigkeit zum alleinigen Maßstab wird, verlieren Außenstehende ihren Wert. Verantwortung endet an der Grenze des „Wir“.

Historisch zeigt sich dieses Muster besonders deutlich im europäischen Faschismus, aber auch in anderen Formen radikalisierten Ethnonationalismus. Denn auch die Gewaltverbrechen in Ruanda oder auf dem Balkan folgten derselben Logik: Zugehörigkeit wurde zur entscheidenden moralischen Kategorie, während jene, die nicht dazugezählt wurden, entrechtet, entmenschlicht und schließlich in großen Zahlen getötet wurden.

Die Grundlage dieser Fehlentwicklungen ist nicht primär Böswilligkeit, sondern die Verabsolutierung von Zugehörigkeit.

Symmetrie statt moralischer Überhöhung

Im westlichen öffentlichen Diskurs werden diese Fehlentwicklungen häufig asymmetrisch behandelt. Rechte Gewalt gilt als strukturelles Problem, linke Gewalt hingegen als bedauerliche Abweichung von eigentlich guten Absichten. Diese Unterscheidung ist verständlich, aber analytisch unzureichend.

Eine nüchterne Betrachtung zeigt: Abstraktion kann ebenso entmenschlichen wie Ausschluss. Linke Systeme können brutal werden, wenn Menschen zu Trägern falscher Ideen reduziert werden. Rechte Systeme können brutal werden, wenn Menschen aufgrund fehlender Zugehörigkeit aus dem moralischen Blickfeld verschwinden.

Diese Symmetrie anzuerkennen bedeutet nicht, alles gleichzusetzen – sondern überhaupt erst zu verstehen, worüber man spricht.

Warum Gesellschaften beide Grundhaltungen brauchen

Gesellschaften funktionieren nicht trotz, sondern wegen dieser Spannung. Linke Grundhaltungen liefern Korrektive: Sie machen auf Ungerechtigkeiten aufmerksam, hinterfragen Macht und weiten den moralischen Horizont. Ohne sie drohen Erstarrung und Selbstzufriedenheit.

Rechte Grundhaltungen halten den Alltag am Laufen. Sie sorgen für Verlässlichkeit, Verantwortungsübernahme und soziale Stabilität. Der prototypische konservative Landwirt, Handwerker oder Familienunternehmer interessiert sich möglicherweise wenig für abstrakte Fragen globaler Gerechtigkeit – aber ohne solche Menschen würde keine Gesellschaft funktionieren.

Politische Probleme entstehen dort, wo eine dieser Perspektiven die andere verdrängen will.

Der Ukrainekrieg als aufschlussreiches Beispiel

Hingegen besteht in Teilen des westlichen politischen Diskurses der Anspruch, rechte Denk- und Handlungsmuster überwunden zu haben. Wie kurzlebig und situativ dieser Anspruch ist, zeigt sich am Beispiel des Krieges in der Ukraine.

Sowohl innerhalb als auch außerhalb der Ukraine wird ein klares Feindbild Russland aufgebaut, das stark mit moralischen Kategorien arbeitet. Nationale Geschlossenheit, Loyalität und Opferbereitschaft werden betont und positiv besetzt – klassische rechte Muster. Gleichzeitig wird innerhalb der Ukraine der erhebliche gesellschaftliche Einfluss rechter und teils rechtsextremer Akteure geduldet oder sogar offen begrüßt, während er außerhalb der Ukraine weitgehend ausgeblendet oder relativiert wird.

Rechte Muster werden damit nicht grundsätzlich abgelehnt, sondern reaktiviert, sobald sie politisch nützlich erscheinen – teils in deutlich zugespitzter Form.

Für Gesellschaften wäre es gesünder und ehrlicher, das rechts-linke Spektrum von vornherein als notwendige Spannbreite menschlicher Grundhaltungen zu verstehen, statt rechte Muster erst in Stresssituationen wieder aufzurufen und dabei zu radikalisieren.

Schluss

Links und rechts sind keine moralischen Gegensätze, sondern unterschiedliche Arten, sich in der Welt zu orientieren. Die eine Haltung erweitert den Blick, die andere gibt Halt. Beide sind notwendig – und beide können gefährlich werden, wenn sie sich selbst für ausreichend halten.

Eine stabilere politische Kultur entsteht nicht durch die moralische Auslöschung einer Seite, sondern durch die Anerkennung dieser Spannung und den Versuch, sie auszuhalten.


Einordnung dieses Textes

Dieser Artikel ist Teil der Grundlegenden Analysen.

Er dient als Ausgangspunkt für:


Fußnoten